Nordwestdeutscher Forstverein e.V.

Die Landesforstvereine - Basis des Deutschen Forstvereins

Bericht der Indonesienexkursion vom Nordwestdeutschen FV

Vor dem Borobodur Tempel. Foto Gerhard Goldmann

Ein und derselbe Strauch liefert drei verschiedene Sorten Tee. Weißen, für den nur die äußersten Triebspitzen verwendet werden und der deshalb der teuerste ist. Grünen - auch er aus jungen Blättchen, die nicht fermentiert werden – und schließlich den bekannten Schwarztee, der in Indonesien allerdings „Roter Tee“ genannt wird.
Mit diesem frisch erworbenen Wissen aus den Teeplantagen von Gunung Mas sowie etlichen Kilo-gramm der kostbaren Blätter im Gepäck streben wir unserem Hotel in Jakarta entgegen. Freuen uns auf ein üppiges Abendbrot, auf ein paar Runden im Pool und – es muss ja nicht immer Tee sein – ein kühles Bintang-Bier. Doch der überbordende Verkehr auf den Straßen Westjavas ändert un-sere Pläne vollkommen. Meter für Meter schieben wir uns in einer endlosen Kolonne vorwärts, brauchen für die hundert Kilometer bis in die Hauptstadt schließlich geschlagene fünf Stunden. Dazu prasseln tropische Gewittergüsse auf uns herunter, denen unser Bus nicht gewachsen ist. Gleich an mehreren Stellen drängen sie ins Innere und wir versuchen, das Wasser mit den bordei-genen Mülleimern aufzufangen. Aber der guten Laune tut es merkwürdigerweise keinen Abbruch und als Sabine, unsere Reiseleiterin und gute Fee, am Straßenrand gebackenes Gemüse und ge-bratene Hähnchenspieße organisiert, sind wir trotz der widrigen Umstände rundum zufrieden.
Wir, das sind sechsundzwanzig Forstleute aus ganz Deutschland, die einer Einladung des Nord-westdeutschen Forstvereins gefolgt sind und sich direkt vor Ort ein Bild von der Forstwirtschaft und dem Naturschutz im viertbevölkerungsreichsten Staat der Erde machen wollen.

 

Java – Herz und Hirn der Republik
Zwei Tage zuvor sind wir auf dem Soekarno-Hatta International Airport gelandet und haben in Bo-gor in Sichtweite des berühmten botanischen Gartens unser Quartier bezogen. Dort bekamen wir eine erste Vorstellung von tropischen Baumriesen, von Leberwurstbäumen, gewaltigem Bambus und von Seerosen, auf deren Blättern ein Kind angeblich stehen kann, ohne unterzugehen. Aber auch von den unglaublichen Menschenmassen, die Java zu einer der am dichtesten bevölkerten Inseln der Welt machen und die Einwohnerzahl des „romantic little village“, wie Sir Stamford Raffles den Ort vor 200 Jahren nannte, auf mittlerweile eine Million hochschnellen ließ.
Vor allem aber interessierte uns die Bogor Agricultural University, die wichtigste landwirtschaftliche Hochschule des Landes, deren Vorgängereinrichtungen immerhin bis in das 19. Jahrhundert zurück-reichen und die heute enge Beziehungen zur Georg-August-Universität in Göttingen unterhält. So kam es, dass wir vom Dekan der forstlichen Fakultät empfangen wurden und quasi aus erster Hand Informationen über die Forstwirtschaft in Indonesien erhielten. Diese ist geprägt durch ein hohes Fachwissen, das jedoch noch immer nicht bis in alle Winkel des riesigen Inselreiches vordringen konnte. Manch guter Ansatz scheint auf dem langen Weg bis nach Sumatra, Kalimantan oder Papua einfach zu verpuffen, zumal viele frisch gebackene Förster ihre Zukunft eher in einem klimatisier-ten Büro auf Java sehen, als fernab der Zivilisation im tropischen Regenwald. Doch die Zeiten könn-ten sich nunmehr tatsächlich ändern. Junge Kollegen müssen hinaus in den Wald und die gesamte indonesische Forstverwaltung wird derzeit nach deutschem Vorbild neu organisiert. KPH heißt da-bei das Zauberwort – Kesatuan Pengelolaan Hutan oder „Wald-Management-Einheit“, mit dem man das deutsche Forstamtssystem mit seiner strengen regionalen Zuständigkeit an den Äquator zu übertragen versucht. In eine ähnliche Richtung zielen auch die Projekte des Centers for Interna-tional Forestry Research (CIFOR), ebenfalls angesiedelt in Bogor, das sich zudem um eine effektive Einbindung der örtlichen Bevölkerung bemüht.
Nach so viel Theorie waren wir froh, am nächsten Tag selbst in den Wald hinein zu dürfen. In den gut einhundertfünfzig Quadratkilometer großen Nationalpark Gunung Gede-Pangrango, dessen Existenz im dicht besiedelten Westjava uns überraschte. Tatsächlich fanden wir nicht nur touristi-sche Attraktionen, wie eine schwankende Hängebrücke, deren Kapazität auf maximal fünf Perso-nen ausgelegt war, sondern auch eine üppige Flora und Fauna. Zwar hielt sich der Java-Leopard ebenso bedeckt wie der farbenprächtige Blauschwanztrogon, dafür konnten wir blühenden Ingwer bewundern und uns vor einer winzigen Brillenschlange gruseln, ehe die mutigsten von uns ein Bad unter einem tosenden Wasserfall nahmen.
In der Hauptstadt erwartet uns tags darauf wieder die Theorie. Zuerst erfahren wir in den Büros der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), welcher enorme Aufwand erforderlich ist, um in abgelegenen Regionen brauchbare Karten und Geländemodelle zu erstellen. Außerdem wird unser Blick wieder auf die unendliche Geduldsarbeit gelenkt, derer es bedarf, um die Interes-sen der unterschiedlichsten Waldnutzer und –bewohner miteinander in Einklang zu bringen. Forclime und Bioclime heißen die entsprechenden Projekte, mit denen nicht nur die Biodiversität erhalten, sondern auch ein entscheidender Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden soll. Denn schließlich wird allein durch die Abholzung der indonesischen Regenwälder Jahr für Jahr doppelt so viel Kohlendioxid freigesetzt wie durch die gesamte deutsche Volkswirtschaft!
Bunter und weniger problembeladen unser Besuch auf der Indo Green Messe. Hier dominieren farbenprächtige Kostüme und Bilder von üppiger Vegetation. Auf den ersten Blick Folklore-Kitsch, aber dennoch wichtig, um die Menschen für die Schönheiten ihrer Heimat zu sensibilisieren und deren – auch materiellen – Wert zu erkennen.
Unser zweiter Aufenthalt auf Java führt uns einige Tage später in das Sultanat Yogyakarta im Zen-trum der Insel. Auch hier Wald, wo wir ihn nicht vermutet hätten. Bedingt durch die Landflucht nach Jakarta und in die anderen Großstädte wurde manches Feld aufgegeben und von den Eigen-tümern einfach aufgeforstet. Dazu passt der mehr als sechshundert Hektar große Wanagama-Wald, der seit 1964 von der forstlichen Fakultät der Gajah Mada Universität auf ehemaligem Ödland angelegt wurde und sich seitdem zu einer grünen Insel entwickelt hat. Nicht nur Heimat für inzwi-schen rund tausend verschiedene Pflanzenarten, sondern darüber hinaus verlässliches Wasserre-servoir für die Menschen der Umgebung.
Auch die Kultur kommt in unserem Programm natürlich nicht zu kurz. Der hinduistische Prambanan-Tempel steht genauso darauf wie der buddhistische Borobodur. Streng genommen beides Relikte aus vergangenen Epochen, da der Islam seit Jahrhunderten die dominierende Religion auf Java ist. Aber hier zeigt er sich so tolerant, dass er den alten Göttern durchaus noch ihren Platz lässt.

Kalimantan – SOS für den Regenwald
Schon der Blick aus dem Fenster beim Anflug auf Palangkaraya verrät es uns: Joseph Conrads Herz der Finsternis ist licht geworden, das ehemals geschlossene Dach aus dichten Baumkronen zerlö-chert wie ein Teppich nach Mottenfraß. Allein zwischen 2000 und 2010 nahm der Anteil des unbe-einflussten Primärwaldes auf der Insel offiziellen Angaben zufolge um drei Millionen Hektar ab! Dagegen ist die Stadt, die erst 1957 aus einer Dschungelsiedlung hervorging, mit einer Grundfläche, die dem Großherzogtum Luxemburg entspricht, die ausgedehnteste Indonesiens und beherbergt heute rund 300.000 Einwohner.
Von hier aus brechen wir mit Schnellbooten auf in den benachbarten Sebangau-Nationalpark, ei-nen der größten und wichtigsten Torfmoorwälder der Insel. Eine riesige, scheinbar unberührte Wildnis, die indes bis heute unter den Folgen eines skrupellosen Raubbaus in den achtziger und neunziger Jahren leidet. Damals wurden alle wertvollen Hölzer eingeschlagen und dabei zugleich die bis zu zwölf Meter dicken Torfschichten durch den Bau von Transport- und Entwässerungskanä-len trockengelegt. Als Folge gewaltige Schäden am verbliebenen Regenwald, die Freisetzung unge-heurer Mengen an CO2 und eine immense Brandgefahr, der alljährlich große Mengen an Wald zum Opfer fallen – einschließlich der darin lebenden Menschenaffen und anderen Tiere.
Mühevoll versucht man inzwischen, die Kanäle wieder zu verschließen und so die verhängnisvolle Entwicklung zu stoppen. Erste Erfolge lassen sich immerhin erkennen, so konnte die Zahl der Orang Utans nach dramatischen Einbrüchen inzwischen stabilisiert werden. Symbolisch helfen wir dabei mit, indem wir einige neue Bäumchen in die Erde pflanzen.
Zurück im Hafen von Palangkaraya geraten wir in die Dreharbeiten für eine lokale Fernsehsendung. Kinder und Jugendliche führen traditionelle Tänze vor, begleitet von einem Gamelan-Orchester und gefilmt zusätzlich von einer ferngesteuerten Drohne. Die Kameras richten sich auch auf uns, sind wir doch hier die Exoten und dokumentieren das Interesse der Außenwelt an diesem Vorpo-sten der Zivilisation.
Für den nächsten Tag haben wir den Wunsch, eine Holzkonzession zu besichtigen, einen jener Ein-schläge, die heute angeblich nur noch in geordneten und naturverträglichen Bahnen verlaufen. Vergeblich – wir erhalten keine Genehmigung und können uns des Verdachtes nicht erwehren, dass zwischen Theorie und Praxis doch noch gewaltige Lücken klaffen.
Stattdessen besichtigen wir eine Baumschule für Ölpalmen, jene grüne Pest, die den Wald vieler-orts abzulösen droht. Deren Wachstum und Erträge sind in der Tat beeindruckend und lassen den armen Kleinbauern wohl kaum eine Alternative. Danach schauen wir uns an, wie ein Teil des ge-wonnenen Holzes vor Ort weiterverarbeitet wird. In kleinen Schreinereien entstehen wunderbare Möbel aus ihm, außerdem Ess-Stäbchen für den Export nach Japan und China.
Schließlich die mit Spannung erwartete Begegnung mit den zotteligen „Waldmenschen“, wie Orang Utan in der deutschen Übersetzung heißt. In Nyaru Menteng besuchen wir ein Primatenzentrum der BOS, der Borneo Orangutan Survival Foundation, und erfahren dort jede Menge über unsere haarige Verwandtschaft. Hierher werden jene Affen gebracht, die Waldbrände und Wilderei über-lebt haben oder die aus Gefangenschaft gerettet wurden. Bis zu sieben Jahre intensiver Ausbil-dung benötigen sie dann, bis sie sich im Dschungel zurechtfinden können und an passenden Stellen wieder freigelassen werden.

Bali – Tempel, Touristen und ein Mangrovenwald
Sie halten sich tapfer, die hinduistischen Götter, die das Leben auf der Insel seit Jahrtausenden prägen. Jede Ortschaft hat gleich mehrere Tempel und selbst in unserem Hotel werden ihnen die Opfergaben dargebracht, ehe die Gäste über das Frühstücksbüfett herfallen dürfen. Doch der Druck von außen ist gewaltig und einige Bereiche unterscheiden sich in der Tat kaum von den pein-lichsten Strandabschnitten Mallorcas. Mit Surf-Begeisterten aus der ganzen Welt, mit komasaufen-den Australiern und Lawinen aus Blech und Abgasen. Aber ein wenig abseits dieser touristischen Brennpunkte finden wir durchaus noch den erhofften Traum vom Südseeparadies. Blitzsaubere Dörfer und kunstvolle Reisterrassen vor riesigen Vulkanen.
Wir bestaunen einige der schönsten Tempelanlagen und versuchen uns selbst im Reispflanzen. Harte Knochenarbeit im knöcheltiefen Wasser, stellen wir fest, die bei den Einheimischen doch so leicht und anmutig ausschaut.
Und Wälder? Wo soll hier noch Wald sein, hier wo jeder Flecken Erde schon vieltausendfach umge-graben und bebaut wurde? Wir finden ihn schließlich unmittelbar neben dem Flughafen. Dort hat sich ein Rest der Mangrovensümpfe erhalten, deren Bedeutung für den Arten-, aber auch für den Küsten- und Hochwasserschutz nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die Grenze zwischen Land und Meer scheint zu verschwimmen, während wir auf Bohlenpfaden in ein Labyrinth aus Schlamm und Luftwurzeln eintauchen. Ein gelungener Abschluss, bei dem uns orange-blaue Krab-ben auf unserem Weg begleiten und uns nur der angeschwemmte Müll gelegentlich an die nahe „Zivilisation“ erinnert.

… und ein neues Mitglied für den Forstverein?
Cinta heißt sie, zu Deutsch Liebe, hat zottelige orange Haare und einen Blick, dem kein Mensch wiederstehen kann. Spontan haben wir, die Teilnehmer der Exkursion, bei unserem Besuch in Nya-ru Menteng beschlossen, eine Patenschaft für das kleine Orang Utan-Mädchen zu übernehmen. Zunächst für ein Jahr, aber letztlich hoffentlich so lange, bis sie die Wälder ihrer Heimat zusammen mit ihren Artgenossen ohne menschliche Hilfe durchstreifen kann.

Gerhard Goldmann

Alle Fotos Gerhard Goldmann

Der Exkursionsbericht ist auch im Holz-Zentralblatt erschienen.

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