Berlin war wieder groß, laut und politisch – und wir mittendrin. Auf unserem Programm standen Gespräche mit dem NABU, dem Bundestagsabgeordneten Niklas Wagener, dem Deutschen Bauernverband, dem Deutschen Forstwirtschaftsrat, der AGDW – Die Waldeigentümer, dem Deutschen Jagdverband, der Deutschen Säge- und Holzindustrie sowie dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat. Hinzu kamen ein Besuch im Bundestag und eine Führung im Bundesrat.
Seit mehreren Jahren werden wir auf unseren Berlin-Exkursionen bei Verbänden, im Parlament und in den Ministerien offen und zugewandt empfangen. Dafür sind wir sehr dankbar, denn diese Gespräche ermöglichen uns, politische Entscheidungsprozesse, unterschiedliche Positionen und aktuelle Waldthemen aus nächster Nähe zu erleben und kritisch einzuordnen.
EU-Waldpolitik: näher als gedacht
Zentrales Thema der diesjährigen Exkursion waren aktuelle EU-Verordnungen mit unmittelbaren Auswirkungen auf den Wald. Die EU erscheint oft weit entfernt – ein Fehlschluss, wie diese Tage in Berlin deutlich gezeigt haben. Europäische Regelwerke wirken direkt in nationale Politik, Verwaltung und forstliche Praxis hinein. Im Mittelpunkt unserer Gespräche standen vor allem zwei Initiativen: die EU-Wiederherstellungsverordnung (WVO) und die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR).
Beide verfolgen grundsätzlich ambitionierte Ziele: Wälder sollen erhalten, geschädigte Bestände wiederhergestellt und ihre Resilienz langfristig gestärkt werden. Doch zwischen Anspruch und Umsetzung liegt ein spürbarer Abstand. Die WVO steht exemplarisch für einen weiteren europäischen Umweltplanungsmechanismus, der vor allem Koordinationsaufwand, offene Definitionsfragen und bislang ungeklärte Finanzierungslücken mit sich bringt. Was genau ein „zufriedenstellender Zustand“ des Waldes ist und mit welchen Maßnahmen er erreicht werden soll, bleibt in weiten Teilen offen und wird teils erst für die kommenden Jahre in Aussicht gestellt.
Noch ernüchternder fällt die Bilanz zur EUDR aus. Ursprünglich sollte sie sicherstellen, dass bestimmte Produkte nur dann in die EU gelangen, wenn sie nachweislich nicht aus Entwaldung stammen und grundlegende Umwelt- und Menschenrechtsstandards eingehalten wurden. Inzwischen wurde die Verordnung mehrfach abgeschwächt und verschoben: Berichtspflichten wurden gelockert, Teile der Lieferkettenkontrolle gestrichen, einzelne Produkte ausgenommen. Übrig geblieben ist nur ein Bruchteil des ursprünglich vorgesehenen Schutzes für Umwelt, Klima und Menschenrechte.
Zwischen Anspruch, Kritik und Dialog
In unseren Gesprächen wurde deutlich: Niemand bestreitet die Notwendigkeit, Entwaldung und Naturzerstörung weltweit zu stoppen. Dennoch dominiert in vielen Debatten eine grundsätzliche Ablehnung neuer Regulierungen, die genau dieses Ziel verfolgen. Sachlich nachvollziehbare Kritikpunkte, etwa zur Finanzierung oder zur konkreten Ausgestaltung der Maßnahmen, treten oft erst auf Nachfrage zutage. Stattdessen prägen Zuspitzung, Blockade und der Ruf nach weiteren Verschiebungen die öffentliche Debatte.
Diese zunehmend polarisierte Debattenkultur bleibt nicht ohne politische Folgen: Mehrheiten werden immer häufiger unter Einbeziehung rechter Kräfte gesucht und gebildet. Das halten wir sowohl politisch als auch inhaltlich für problematisch. Besonders kritisch bewerten wir die wachsende Bereitschaft einzelner Akteure, aus vermeintlich sachlichen Erwägungen die Zusammenarbeit mit nachweislich rechtsextremen Kräften in Kauf zu nehmen. Weder ein behaupteter Nutzen für den Wald noch formale Wahlergebnisse können diesen Schritt rechtfertigen.
Junge Stimmen, lange (Mit-)Wirkung?
Als junge Forstleute versuchen wir uns in dieser komplexen politischen Landschaft zu orientieren. Für uns bedeutet das auch, Dinge kritisch zu hinterfragen, Fragen zu stellen und eigene Positionen zu entwickeln. Wir hoffen, dass das ausgehalten wird, denn genau davon lebt ein demokratischer, fachlicher und zukunftsorientierter Diskurs über Wald und Forstpolitik.
Häufig entsteht der Eindruck, dass junge Stimmen angesichts der demografischen Verhältnisse politisch wenig Gewicht haben. Gerade deshalb ist es wichtig, junge Menschen frühzeitig und ernsthaft in politische Prozesse einzubinden. EU-Regelungen wie WVO und EUDR greifen tief in die Zukunftssysteme ein, mit denen unsere Generation noch lange leben und arbeiten wird, umso wichtiger ist es, dass wir diese Debatten mitführen.
Die Frage, wie sich die Forstwelt in der EU positioniert, bleibt zentral. Die Berlin-Exkursion hat uns darin bestärkt, diesen Austausch weiterzuführen: nicht zu blockieren, sondern miteinander zu arbeiten. Denn der Wald – und seine Politik – braucht Nachwuchs.
Anne Austen & die Exkursionsteilnehmenden:
Jacob Riedel, Anna Wandelt, Elisabeth Viehweger, Konstantina Fotiadi, Johannes Gülker, Mairin Rehor, Damian Vedder, Ronja Tombrink, Anna Katthöver, Kilian Creutz, Martin Walter, Enja Bothe, Caroline Raupach, Miriam Hausl, Clara Lindner, Johannes Herzog.



